| Im nachfolgenden Text steht die männliche Form Heileurythmist, Klient und Arzt für beide Geschlechter. |
| METHODENIDENTIFIKATION |
| 1. Methodenbeschrieb |
| 1.1 Geschichte und Philosophie |
| 1.1.1 1884-1897 Herausgabe von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften durch Rudolf Steiner (1861–1925) in Weimar. In seinen Einleitungen dazu bestätigt Rudolf Steiner die Anschauungsweise Goethes als gültige und notwendige Erweiterung der rein materialistisch orientierten Naturwissenschaft bis in den Bereich des unsichtbar Lebendigen hinein. |
| 1.1.2 1894 In seiner „Philosophie der Freiheit, Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode“, erweitert Rudolf Steiner die von Immanuel Kant postulierten Grenzen der Erkenntnis durch ein Erkennen, das den Weg freilegt von der sinnenfälligen in die geistige Welt hinein. |
| 1.1.3 Seit 1900 In Schriften und Vorträgen zeigt Rudolf Steiner Forschungsresultate aus dieser neuen anthroposophischen Geisteswissenschaft auf, von denen fruchtbare Impulse für viele Aspekte des menschlichen Lebens und der Kulturerneuerung, Pädagogik, Heilpädagogik, Kunst, Landwirtschaft, und nicht zuletzt für die Medizin ausgehen. |
| 1.1.4 1912 entwickelt Rudolf Steiner die Bewegungskunst Eurythmie („sichtbare Sprache und sichtbarer Gesang“) und gibt sehr bald auch Angaben für die pädagogische und therapeutische Anwendung einzelner eurythmischer Elemente. |
| 1.1.5 1920 Im Rahmen des ersten Ärztekurses findet eine Eurythmiedemonstration für die teilnehmenden Ärzte statt. Rudolf Steiner erwähnt die differenzierte Wirkung von eurythmischen Vokal- und Konsonantenbewegungen auf die verschiedenen Funktionsbereiche des Menschen. |
| 1.1.6 1921 Rudolf Steiner hält in Dornach vor Ärzten, Medizinstudenten und einigen Eurythmistinnen den Heileurythmiekurs im Rahmen des zweiten Ärztekurses. Die Eurythmistinnen Frau E. Wolfram und Frau E. Baumann demonstrieren dabei die eurythmischen Laute und ihre Metamorphose zur Heileurythmie. |
| 1.1.7 Bald nach dem Kurs wird die heileurythmische Arbeit von Frau E. Wolfram, Frau E. Baumann und Frau Dr. med. M. Glas aufgenommen und in der ersten Waldorfschule in Stuttgart eingeführt. |
| 1.1.8 Frau Dr. med. Ita Wegman eröffnet in Arlesheim das Klinisch Therapeutische Institut, das auf medizinisch-anthroposophischer Grundlage arbeitet. In engem Zusammenhang mit dieser Klinik erfolgt später die Eröffnung des heilpädagogischen Heimes Sonnenhof in Arlesheim. An diesen Institutionen wird von Anfang an Heileurythmie eingesetzt, teilweise mit Hinweisen Rudolf Steiners zu einzelnen Patienten. |
| 1.1.9 1924 Innerhalb der Entwicklung der anthroposophischen Heilpädagogik werden heileurythmische Laute und Lautreihenfolgen in Verbindung mit einzelnen Kindern und Krankheitsbildern von Rudolf Steiner angegeben (Siehe Heilpädagogischer Kurs GA 317). |
| 1.1.10 1925 Erster Ausbildungskurs für Heileurythmie in Arlesheim unter der Leitung von Frau Dr. med. M. Kirchner-Bockholt. In der Folgezeit finden regelmässige Ausbildungs- und Fortbildungskurse in verschiedenen Ländern statt. Bis heute sind weltweit weitere neue Heileurythmie-Ausbildungen gegründet worden. |
| 1.1.11 Es gibt heute Ausbildungen in folgenden Ländern: Brasilien, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Niederlande, Russland, Schweiz, Ungarn, USA. In verschiedenen Ländern haben sich Heileurythmisten zu Berufsverbänden zusammengeschlossen. |
| 1.1.12 1969 erfolgte die Gründung des Verbandes diplomierter Heileurythmisten in der Schweiz, als erster Berufsverband mit heute ca. 180 aktiven Mitgliedern. Weltweit gibt es circa 1600 Heileurythmisten. |
| 1.1.13 Die Heileurythmie wurde von Rudolf Steiner als Bestandteil der Anthroposophischen Medizin entwickelt. Diese versteht sich als ein integrales Konzept, das die naturwissenschaftliche Medizin durch zusätzliche diagnostische Fragestellungen und therapeutische Verfahren erweitert. Diese anthroposophisch erweiterte Medizin steht in Beziehung zu traditionellen medizinischen Konzepten wie z. B. klassische Verfahren der Naturheilkunde oder der Homöopathie. |
| 1.2 Therapieansatz und Wirkungsweise |
| 1.2.1 Grundlage der Heileurythmie |
| 1.2.1.1 Die Heileurythmie wurde als eine eigenständige Bewegungstherapie auf der Grundlage der Eurythmie und des Menschenverständnisses der anthroposophischen Medizin entwickelt. |
| 1.2.1.2 Im Unterschied zur Eurythmie, sind bei der Heileurythmie der Bewegungsansatz und seine therapeutische Wirksamkeit auf die den konkreten Krankheitszuständen zugrundeliegenden gestörten Prozesse des menschlichen Organismus bezogen. Heileurythmie wird nicht mit gesunden Menschen ausgeübt im Sinne von Prophylaxe oder „Wellness“. |
| 1.2.1.3 Der Heileurythmie liegt das anthroposophische Wesensgliedermodell des Menschen zugrunde, das, durch die geschulte Wahrnehmung, mit Hilfe der Bewegungsdiagnose erfahrbar ist. Es ergibt sich aus dieser Anschauungsweise, dass der Mensch sich in 4 Wesensgliedern in den Funktionsbereichen seines Körpers offenbart. Nachfolgend ihre Bezeichnungen und einige Beispiele, wie sie in der Bewegung zu beobachten sind: |
| <table height="99" width="513"><tbody><tr><td>- Physische Organisation </td><td> z.B. Gestalt, Haltung, Raumesorientierung</td></tr><tr><td>- Lebenskräfte-Organisation</td><td>z.B. Bewegungsfluss und -Fülle, Auftrieb, Schwere und Leichte</td></tr><tr><td>- Seelische Organisation</td><td>z.B. Muskeltonus, Bewegungsdynamik, Geschicklichkeit</td></tr><tr><td>- Ich-Organisation</td><td>z.B. Bewegungsführung, Bewegungsimpuls</td></tr></tbody></table> |
| 1.2.1.4 Der menschliche Organismus befindet sich fortwährend in Auf- und Abbauprozessen. Im gesunden Menschen stehen diese beiden Kräfte in einem, dem Individuum entsprechenden, für jedes Organ spezifisch veranlagten Gleichgewicht. |
| 1.2.1.5 Wird dieses in irgendeiner Weise gestört, entstehen die verschiedenen Krankheitsformen. |
| 1.2.1.6 Auf diese Dynamik von Auf- und Abbau, die sich vornehmlich in der oben genannten Lebenskräfte-Organisation abspielt, wirkt die Heileurythmie direkt ein. |
| 1.2.2 Vokale und Konsonanten als formende und gestaltende Kräfte Tonheileurythmie |
| 1.2.2.1 Die Heileurythmie ist eine Bewegungstherapie, bei der die bewusst geführten Bewegungen der Glieder auf physiologische und funktionelle Vorgänge des Nerven-Sinnes-, des Rhythmischen- und des Stoffwechselsystems einwirken. |
| 1.2.2.2 Grundlage der Bewegungsabläufe ist die Gestaltungsdynamik, die sich in der menschlichen Sprachorganisation beim Aussprechen von Vokalen und Konsonanten abspielt. Diese Dynamik hat eine innere Beziehung zu Wachstum und Regeneration, sowie Formkraft und Formbildung des menschlichen Körpers. |
| 1.2.2.3 Jeder Vokal und Konsonant hat eine ihm eigene eurythmische Bewegungsform, die in Zusammenhang mit spezifischen Organprozessen und Organstrukturen steht. |
| 1.2.2.4 Heileurythmie kommt, je nach Einsatz der Mittel differenziert im gesamten Organismus sowohl aufbauend, anregend und lösend, als auch abbauend, begrenzend und strukturierend zur Wirkung. So kann sie gestörte Organprozesse in ihre ursprüngliche gesunde Dynamik zurückführen. |
| 1.2.2.5 Ebenso können Elemente aus der Musik in der Toneurythmie umgeformt werden zu Tonheileurythmieübungen. |
| 1.2.3 Wirkungsweise |
| 1.2.3.1 Jedem Laut der Sprache entspricht eine bestimmte Bewegungsform, die bei jedem Menschen individuell ausgeprägt ist. |
| 1.2.3.2 So unterschiedlich die Laute ausgesprochen werden von einzelnen Menschen, so unterschiedlich sind die, diesen Lauten entsprechenden, Bewegungsformen. Auch in den verschiedenen Sprachen unterscheiden sich die Bewegungsformen entsprechend der unterschiedlichen Aussprache der Laute. |
| 1.2.3.3 Was hier für die Laute gesagt wird, gilt auch für Elemente der Musik und ihre Umwandlung in die Tonheileurythmie. |
| 1.2.3.4 In der therapeutischen Arbeit erkennt der Heileurythmist durch seine geschulte Wahrnehmung, sowie der Klient im Bewegen selber, wo Disharmonien und Verzerrungen in diesen Bewegungsformen auftreten. Dies ist möglich, weil man davon ausgehen kann, dass in jedem Menschen diese gesunden Formen als Urbilder leben. |
| 1.2.3.5 Die Arbeit in der Heileurythmie besteht darin, den Klienten zu helfen, den Weg zu den eigenen gesunden Urbildern dieser Bewegungsformen zu finden und damit selbstregulierende Kräfte anzuregen. Durch die Erarbeitung der individuellen, gesunden Bewegungsbilder mit dem ganzen Körper, wirken diese auf die im Ungleichgewicht befindlichen Prozesse korrigierend zurück. |
| 1.2.3.6 Der Heileurythmist wählt die Übungen aus nach ärztlicher Diagnose, die er mit Hilfe der Bewegungsdiagnose überprüft. Die Therapiearbeit geht aber vom gesunden Bewegungsbild aus, und unterstützt den Klienten dabei, einen für ihn wirksamen Umgang mit den heileurythmischen Übungen zu finden. |
| 1.2.3.7 Durch das Erlernen und selbständige Üben der Bewegungsformen werden die Eigenwahrnehmung des Klienten gefördert, sowie die Selbstregulation und die Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit angesprochen. |
| 2. Arbeitstechniken |
| 2.1 Befunderhebung, Information und Planung |
| 2.1.1 Die Heileurythmie-Behandlung wird aufgrund einer ärztlichen Diagnose und Überweisung durchgeführt. Die ärztliche Befunderhebung wird in der praktischen Therapiearbeit ergänzt und erweitert durch die Anamnese des Heileurythmisten. Er kann durch seine Beobachtungen der Bewegungsqualität des Klienten (Bewegungsdiagnose),und durch das Gespräch mit ihm wichtige Ergänzungen zur Diagnose des Arztes gewinnen und so in fachspezifischer Eigenständigkeit mit dem Klienten zusammenarbeiten. |
| 2.1.2 Der Heileurythmist klärt den Klienten über die Art der Therapie auf und bespricht mit ihm die Bedingungen der Durchführung und die Ziele der Gesamtbehandlung (z.B. regelmässiges Üben, Wahrnehmen der notwendigen Ruhepausen und eigenen Ressourcen usw.). |
| 2.1.3 Der finanzielle Rahmen der Therapie wird im Voraus geklärt. |
| 2.2 Therapeutische Arbeit |
| 2.2.1 Durchführung |
| 2.2.1.1 Die Heileurythmie geht aus von der aufrechten Körpergestalt, die in dieser Art nur beim Menschen als Ausdruck seiner Ich-Organisation auftritt. Heileurythmie kann je nach Krankheit und Zustand des Klienten auch im Sitzen oder Liegen ausgeführt werden. Sich wiederholende körperbezogene Bewegungen und Bewegungsabläufe werden mit Händen, Armen, Beinen und Füssen ausgeführt und je nach Bedarf durch Schritte, Sprünge, Bewegungen im Raum, sowie Tempoveränderungen erweitert. |
| 2.2.1.2 Einzelne Laute, oder Lautfolgen werden während einiger Minuten wiederholt, zum Teil mit Tempoveränderungen oder Rhythmisierungen in den Bewegungsabläufen |
| 2.2.1.3 Der Klient wird angeleitet zu den Bewegungen, welche der Therapeut bei Bedarf vor- oder mitmachen kann. Sofern möglich, übt der Klient selbständig die entsprechenden Bewegungsformen. In der Heileurythmie wird in der Regel nicht mit Berührung gearbeitet. In speziellen Fällen kann der Klient in der Bewegung gestützt oder geführt werden. |
| 2.2.1.4 Der Heileurythmist ist in der Lage, auf der Grundlage der ärztlichen Diagnose und Verordnung eine auf den Klienten und seine individuellen Situation angepasste heileurythmische Therapie zu konzipieren und durchzuführen, sowie den Therapieverlauf im Dialog mit dem Klienten zu gestalten. |
| 2.2.1.5 Das schliesst ein: |
| - Erstellen einer Bewegungsdiagnose unter Einbeziehung der 4 Wesensgliederbereiche in Ergänzung zur ärztlichen Diagnose. |
| - Kompetentes Einsetzen der heileurythmischen Mittel (Vokale, Konsonanten, Seelische Übungen, vorbereitende Übungen mit Kugeln, Stäben, Rhythmen, Elemente der Musik). |
| - Durchführung des erstellten Therapieplanes (Differenzierte Anordnung der oben erwähnten heileurythmischen Mitteln). |
| - Folgerichtiges Anordnen der Übungen. |
| - Anpassung des Therapieplanes an den therapeutischen Prozess. Veränderungen beim Klienten werden laufend in diesen Prozess integriert. |
| - Begleitung und Unterstützung des Lernprozesses des Klienten. |
| - Zeitliches Gestalten der Therapieeinheiten (Gliederung, Beratung für das selbständige Üben). |
| - Differenziertes Wahrnehmen der kurz- und langfristigen Wirkung der Heileurythmie auf den Klienten. |
| - Erstellen einer schriftlichen Dokumentation des Therapieverlaufes. |
| 2.2.2 Prozessunterstützung |
| 2.2.2.1 Heileurythmisten führen den therapeutischen Dialog in verständlicher, zeit- und altersgemässer Form und gewährleisten die Autonomie der Klienten. |
| 2.2.2.2 Das schliesst ein: |
| - Aufbauen eines integren und souveränen therapeutischen Behandlungsprozesses. |
| - Sicheres Umgehen mit den Klienten auf dem Fundament der medizinischen und heileurythmischen Arbeitsgrundlagen. |
| - Angemessenes Kommunizieren mit den Klienten. |
| - Teilnehmendes und verstehendes Beobachten der Klienten auf körperlicher, seelischer, geistiger und sozialer Ebene. |
| - Indikationsspezifisches, prozessorientiertes Umgehen mit dem Klienten. |
| - Respektieren und Fördern der Selbständigkeit des Klienten. |
| - Anregen der Eigenaktivität durch selbständiges Üben. |
| - Fördern der bewusst erlebten Eigenbewegung. |
| 2.3 Evaluation |
| 2.3.1 Der Heileurythmist erfasst und überprüft den Behandlungsverlauf durch: |
| - Fortwährendes Überprüfen der von den Klienten selbständig geübten Bewegungsabläufe mit Hilfe der Bewegungsdiagnose. |
| - Reflexion des selbständigen Übens. |
| - Anpassung der Bewegungsübungen im Laufe des Behandlungsprozesses durch Orientierung an den Ressourcen des Klienten. |
| - Anpassung des Behandlungskonzeptes an den Verlauf (Dauer und Häufigkeit der Therapieeinheiten, Ort, Absprachen mit anderen Therapeuten, Ärzten, usw.) |
| - Fachliches Einschätzen von Möglichkeiten und Risiken der Methode. |
| - Gewonnene Erkenntnisse werden auf andere Situationen und Behandlungsprozesse übertragen. |
| - Kontinuierliche Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten durch Selbstevaluation, Austausch innerhalb des Behandlungsteams, Intervision und Fortbildung. |
| - Herstellen einer Korrespondenz zwischen heileurythmischer Behandlung und Krankheitsverlauf unter Einbezug von ärztlichen Befunden resp. Fremdbeurteilung durch Klient, Eltern, Betreuer, Pädagogen. |
| - Schriftliche Dokumentation und Evaluation im Rahmen von Einzelfallstudien oder Kohortenstudien. |
| 3. Grenzen der Methode |
| 3.1 In akuten Notsituationen, bei schweren Infektionen, hochfieberhaften Erkrankungen und schweren akuten Psychosen. |
| 3.2 In akuten Notfallsituationen hat die akutmedizinische Versorgung Vorrang vor der Heileurythmie-Behandlung. Dennoch gibt es auch in medizinischen Grenzsituationen, z.B. bei Sterbenden und Koma-Patienten ausreichend Erfahrung und Evidenz für die Wirksamkeit der Heileurythmie. |
| 4. Lernstunden |
| 4.1. Minimale Kontaktstunden |
| Eine Bedingung für die Aufnahme in die Heileurythmieausbildung ist die 4-jährige Grundausbildung in Eurythmie. |
| Heileurythmieausbildung: 500 Kontaktstunden |
| Angerechnete Stunden aus der Grundausbildung Eurythmie: 900 Kontaktstunden |
| Insgesamt 1400 Kontaktstunden. |
| 4.2 Definierte Selbststudiumsstunden |
| Heileurythmieausbildung: 400 Stunden |
| Angerechnete Stunden aus der Grundausbildung in Eurythmie: 900 Stunden |
| Insgesamt 1300 Selbststudiumsstunden. |
| Stand: 05.02.2009 |
Letzte Aktualisierung: 23.12.2009